„Automatenbüffett“ mit Michael Maertens und „Reich des Todes“ mit Sebastian Blomberg zum 58. Theatertreffen 2021 eingeladen

Im Zentrum des Theatertreffens steht die 10er Auswahl: Zehn bemerkenswerte Inszenierungen, die jedes Jahr von einer unabhängigen Kritiker*innenjury aus rund 400 Aufführungen des deutschsprachigen Raums innerhalb des Sichtungszeitraums ausgewählt werden. Sie werden nach Berlin eingeladen und im Mai geballt im Haus der Berliner Festspiele und an anderen Orten der Stadt gezeigt. Dazu gruppieren sich die weiteren Programmsäulen und Formate des Festivals:

Auch einige kleinere Bestandteile des Theatertreffens haben sich inzwischen etabliert: Im Rahmen von Open Campus ist das Theatertreffen Vernetzungs- und Begegnungsort für Schüler*innen und Studierende. Jedes Jahr wird die Theatertreffen-Auszeichnung an die eingeladenen Ensembles der 10er Auswahl vergeben. Und ausgewählte Inszenierungen sind alljährlich zum Theatertreffen in China eingeladen.

So versteht sich das Theatertreffen heute als Treffpunkt für Theatermacher*innen und Interessierte aus aller Welt, als Vernetzungs- und Diskursplattform und Open Space der Theaterkünste, seit 2020 verstärkt auch im digitalen Raum.

Kurzinhalt „Automatenbüffett“:

Der eigenbrötlerische Provinzbürger Adam (Michael Maertens) verhindert gerade rechtzeitig, dass sich die unbekannte Eva in einem Teich das Leben nimmt. Er bringt sie ins Automatenbüfett, ein von seiner Gattin geführtes Restaurant, wo Speisen, Getränke und auch Musik auf Knopfdruck bestellt werden können. Unter der strengen Obhut Frau Adams treffen sich hier die Honoratioren der Stadt. Die Fremde entfacht sogleich die Fantasie der Männerrunde, und so wird es mit Evas Unterstützung für Adam ein leichtes Spiel, seine visionären Pläne zum Aufbau der Fischzucht-Industrie umzusetzen. Dem ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung dürfte nichts im Wege stehen, doch mit Evas kalkuliertem Einsatz von Gefühlen entlarvt sich auch die Doppelmoral der örtlichen Verantwortungsträger.

Link zum Stück „Automatenbüffett“

Statement der Jury:
Anna Gmeyners „Automatenbüfett“ ist eine Wiederentdeckung. Die Autorin wird gern mit Ödön von Horváth verglichen, häufig zu ihren Ungunsten. Dabei sind gerade ihre Frauenfiguren – im Unterschied zu Horváths verlorenen Fräuleins – zähe Kämpferinnennaturen. Der Regisseurin Barbara Frey ist knapp vor dem Lockdown im Wiener Akademietheater eine so unaufgeregte wie leichthändige Inszenierung geglückt, die keineswegs die genretypischen Opferrollen des kleinbürgerlichen Panoptikums bedient. Bereits das Bühnenbild sticht heraus: Martin Zehetgruber hat einen überdimensionierten gläsernen Automaten ins Theater gestellt, der nach Münzeinwurf rund um die Uhr Würstel und Bier bereithält; der Bühnenmusiker spielt ebenfalls nur gegen Bares. Gegen die totale Automatisierung lehnt sich die Regisseurin auf, indem sie das Ensemble auf ein artifizielles Bewegungsrepertoire einschwört; alles passiert hier absichtsvoll langsam, nicht die große Geste, der Blick fürs Detail zählt. „Automatenbüfett“ ist subtil, tieftraurig, zum Brüllen komisch.

Kurzinhalt „Reich des Todes“:

„Reich des Todes“ beginnt mit den in sich zusammenstürzenden Türmen des World Trade Centers, da veranstaltet Beier ein ziemliches Brimborium mit Donner und Bühnennebel (Bühne: Johannes Schütz) und schickt einen auf die falsche Fährte eines realistischen Abbilds der Weltpolitik. Ein Präsident (Wolfgang Pregler) tritt auf, der viel Zeit mit Beten verbringt und ansonsten nicht der Hellste ist, sein Vize (Sebastian Blomberg), ein kalter Stratege, der die Anschläge zum Anlass nimmt, den Staat grundlegend umzubauen. Außerdem lassen sich Kriegs- und Justizminister (Burghart Klaußner und Michael Weber) bereitwillig von den Ereignissen mitreißen. Bei dem Haufen Karrieristen, deren Servilität den Niedergang vorantreibt, denkt man natürlich an die US-Administration unter George W. Bush und Dick Cheney. Und weil Goetz diesen Staatsstreich durch die Regierung in einer hochartifiziellen Sprache erzählt, bekommt das Geschehen schnell einen Drall ins Plump-Antiamerikanische: Auf der Leinwand flackert eine US-Flagge, Wassim Mukdad spielt „The Star-Spangled Banner“ auf der elektrisch verzerrten Oud und am Bühnenrand schmieden fiese Typen dunkle Ränke, alles klar.

Stimmt nur nicht.

Weil nämlich Goetz seine Protagonisten nicht Bush oder Cheney genannt hat. Alle Figuren tragen deutsche Namen, neben dem Präsidenten Grotten und dem Vize Selch taucht der Chefjustiziar Dr. Banzhaf (Holger Stockhaus) auf (was auf den während der NS-Zeit in leitender Stellung bei Bertelsmann arbeitenden Verleger Johannes Banzhaf verweisen könnte), der Kriegsminister Roon (Albrecht von Roon war ab 1859 preußischer Kriegsminister) und der Justizrat Dr. Schill (Daniel Hoevels), was eine kleine Hamburgensie darstellt – Ronald Schill war von 2001 bis 2003 Hamburger Innensenator und eine frühe, besonders bizarre Form des Rechtspopulisten. Wir befinden uns zwar eindeutig in den USA nach den Anschlägen auf das World Trade Center, aber die rechte Tradition (in erster Linie Deutschlands) ist tief eingeschrieben in dieses Amerika im Niedergang.

Link zum Stück „Reich des Todes“

Statement der Jury:
Es ist ein fast Brecht’sches Aufklärungs- und Erinnerungstheater, das hier in einem Rausch aus Videobildern, Tanzszenen und Politiker*innenparodien auf einer Kerkerbühne von Johannes Schütz zu betrachten ist. In Karin Beiers Inszenierung hält das Theater Gericht über die moralische Verkommenheit der US-amerikanischen Regierung nach den Anschlägen vom 11. September 2001 – aber auch über uns. Das brachial anklägerische Stück des Autors Rainald Goetz verpasst Männern wie Donald Rumsfeld oder George W. Bush eher läppische deutsche Namen; die Schauspieler*innen führen unter anderem durch eine Hitler-Parodie die Verwandtschaft von faschistischer Verrohung und zynischer Machtpolitik im 21. Jahrhundert vor. Die Faszination des Verbrechens, der archaische Skandal der Gewalt sind hier in grotesk ästhetisierten Folter- und Kriegsszenen abgebildet. Ein Stimmen-Orchester beschwört das Gedankengewitter im Kopf des Dichters und die Todesangst in uns allen. Durchaus nah am Text gelingt der Aufführung eine maßlose, grandios finstere, verstörende Gegenwartsbeschreibung.

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