Das Leben ist durchzogen von Lücken: Unweigerlich wird man mit Gesetzeslücken, Zahnlücken und Wissenslücken konfrontiert. Sie finden sich im Lebenslauf, in den Zukunftsplänen oder auch im Gedächtnis. Was sie alle gemeinsam haben? Sie lassen sich, mal mit mehr und mal mit weniger Mühe, wieder schließen. Doch die entsetzlichste aller Lücken, die eine, die sich irgendwann in jedem Leben einnistet, sich aber auch trotz aller Bemühungen niemals wirklich stopfen lässt, die hinterlässt nur der Tod. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.
Nach dem erschütternden Tod seines Bruders beschließt Joachim (Bruno Alexander), sein Leben vollständig auf den Kopf zu stellen. So bewirbt sich der zwanzigjährige Norddeutsche kurzerhand an einer renommierten Schauspielschule in München, und wird, entgegen seiner eigenen Erwartung, tatsächlich als einer von knapp 1.000 Bewerber*innen in das strenge Ausbildungsprogramm aufgenommen. Um sich den Besuch der Otto-Falckenberg-Schule leisten zu können zieht er bei seinen exzentrischen Großeltern, Inge (Senta Berger) und Hermann (Michael Wittenborn) ein, und begibt sich auf eine nostalgische Reise in die eigene Vergangenheit: Wie von einem Uhrwerk werden die Kinder durch das ungewöhnlich ausführliche Gurgeln ihrer Großeltern geweckt, müssen tagtäglich auf mit Plastik bezogenen Stühlen sitzen und sind jeden Sonntag Teil der großelterlichen Wanderung durch das mehr oder weniger naturbelassene Umland von München. Auch heute noch scheint der Alltag von Inge und Herrmann aus denselben ausgefallenen, von Alkohol und Schmerztabletten befeuerten Ritualen wie damals zu bestehen.
Der Alltag an der Schauspielschule allerdings wirkt auf Joachim noch deutlich befremdlicher. Er soll seinen Kommiliton*innen minutenlang in die Augen starren, auf Zuruf anfangen zu weinen und, um den vermeintlichen Irrsinn auf die Spitze zu treiben, in der Rolle eines Nilpferds Effi Briest vortragen. Zwischen egoistischer Selbstdarstellung und den uneindeutigen Erwartungen seiner Dozent*innen droht Joachim auch hier nicht das zu finden, was er so dringend sucht. Denn genauso wie für Goethes Figur des jungen Werthers, aus dessen Briefen das titelgebende Zitat stammt, ist es vor allem die niemals zu enden scheinende Suche nach dem Sinn, die ihn umtreibt. Es ist diese tiefsitzende, existentielle Leere – oder eben Lücke – die Joachim so verzweifelt zu füllen versucht.
Mit Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke adaptiert Simon Verhoeven den dritten Roman aus Joachim Meyerhoffs autobiografischer Erzählung Alle toten fliegen Hoch und trifft dabei genau die feinen Töne zwischen überzogen wirkender Comedy und tiefgehender Emotionalität, für die auch die sechsteilige Buchreihe schon so viel Anerkennung fand. Ohne die jeweils andere Seite der Medaille zu vernachlässigen oder gar lächerlich wirken zu lassen, verbindet die Coming-of-Age-Geschichte absurdeste Situationskomik mit der aufreibenden, niemals enden wollenden Suche nach dem Sinn. Wenn Inge und Hermann ihren „Liebeling“ in ihre skurrilen Routinen einbinden, um ihn auf den ersten Tag in der Schauspielschule vorzubereiten, scheint es noch undenkbar, dass nur kurze Zeit später die ersten Zeilen von Soft Cells Tainted Love genügen werden, um einen ganzen Kinosaal zu Tränen zu rühren.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ist ebenso eine Liebeserklärung an Joachims Großeltern wie auch an seine Zeit an der Schauspielschule. Und wie es mit der Liebe so ist, wandelt sie sich mit der Zeit, macht ein Auf und Ab durch, folgt keinen Formeln, sondern scheint einfach zu geschehen, bis es schließlich zum unweigerlichen Abschied kommen muss. So ist es letztlich doch auch genau diese Lücke, die das Leben überhaupt erst vollständig werden lässt.
Im Cast: Devid Striesow, Meaeve Metelka
